Praxistag in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg

Veröffentlicht am 14.03.2011 in Politik

Mein Praxistag in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg. Erfahrungen von Nikolaus Karsten

Mein Praxistag in der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg beginnt um 6.00 Uhr morgens. Netter Empfang und ich durfte gleich bei der Morgenpflege von drei BewohnerInnen mitmachen. Liebevoll - mit Waschen, Erzählen und Umarmen und immer unter Druck, weil der nächste schon klingelt und auch den Tag beginnen will, es ohne Hilfe aber nicht kann. Und dann Vorwürfe, man würde ja oft vergeblich um Hilfe rufen. Der Frust über den gerade erlittenen Schlaganfall muss auch ausgehalten werden. Pflegestufe 1, das sind gerade mal 412 EUR pro Monat, dafür kann man eigentlich nicht soviel leisten. Es gelingt, heute gibt es eine positive Grundstimmung. Die Räume sind hell, die Sonne scheint rein. Die Fernseher laufen laut.
Dann darf ich nacheinander an drei Frühstücksrunden teilnehmen und werde freundlich und interessiert empfangen. Wer ist hier der Alterspräsident? 97, einziger Mann in der Runde, eher nörgelnd. Ein Geburtstagskind zur Feier des Tages in schönem sozialdemokratischen Rot gekleidet, eine reine Frauenrunde. Eine ehemalige Kindergärtnerin schwärmt von ihrem Beruf.

In der dritten Runde Männerüberschuss, sie wollen richtig politisch diskutieren. Warum SPD? Wowereits Plan, die Kultur als den wesentlichen Schatz der Stadt auszubauen, die Attraktivität Berlins zu steigern und damit auch eine Grundlage für die Ansiedlung von mehr Wirtschaftsunternehmen zu bieten, kommt an. Ich bin Ingenieur. Eigentlich habe ich es mehr mit Zahlen. Aber die Kultur in Berlin ist wie der Hafen in Hamburg.
Wir überlegen, wie es gelingen kann, dass der vorhandene Wohlstand so verteilt werden kann, dass eine Pflege wie hier für alle möglich bleibt. Denn eins zeichnet sich ab: es wird immer mehr Pflegebedürftige geben und unter den derzeitigen Bedingungen wird es schwierig sein, genügend Pflegekräfte zu bekommen. Die MAE-Kräfte sollen abgezogen werden. Das sind Ein-Euro-Jobber, die z.B. begleiten, wenn ein Arzt-Termin außer Haus ansteht. Die Belastung steigt weiter. Leider musste eine Einladung von Wolfgang Thierse abgesagt werden, weil der Tagesplan von 8.00 bis 21.30 Uhr einfach zu lang war. Da werde ich noch mal nachhaken. Wir überlegen gemeinsam, wie man mit Rollator in die Reichstagskuppel kommt.

Ein charmanter älterer Herr, er ist 91, fragt, wie er es wohl schaffen kann hier raus zu kommen und mit einer älteren Dame zusammen zu wohnen, die ein Zimmer günstig an ihn vermieten kann. Seine Frau ist hier vor einem Jahr gestorben. Ich finde es gut, dass er Pläne hat. Einige aus der Runde sind dagegen. Sie finden es schön, wenn er nach dem Abendessen erzählt. Eine Dame aus Erfurt fragt, was er denn machen wolle, wenn es ihm mal schlechter gehen sollte. Wir gehen dann noch in sein Zimmer und schauen eine Sammlung von selbstgebauten ferngesteuerten Booten an – ein beeindruckendes Lebenswerk. Wo könnte man die noch mal schwimmen lassen? Wie kommt man dahin? Man bräuchte auch eine neue Fernsteuerung, weil die alte nicht mehr funktioniert.

Zum Schluss erfahre ich noch, dass der Herr, der sich am aktivsten an der Diskussion beteiligt hat und auch am besten laufen konnte, Palliativ-Patient ist. Er ist, wie auch einige andere, hier hergekommen um möglichst schmerzfrei zu sterben. Auch das kann in der Seniorenstiftung geleistet werden. Es gibt hoch qualifiziertes Personal. Allerdings hat die schwarzgelbe Regierung überraschend ein Gesetz beschlossen, wonach diese spezialisierte Palliative Versorgung (SAPV) nur ambulant erbracht wird. So dass hier vergeblich investiert wurde. Hoffentlich bleibt die mit großem Einsatz geschaffene positive Grundstimmung erhalten. Letztendlich müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Sonst wird selbst die größte Einsatzbereitschaft jedes Einzelnen entwertet.

Berlin, 1. März 2011
Nikolaus Karsten
SPD-Kandidat für das Abgeordnetenhaus von Berlin im Wahlkreis 9 in Prenzlauer Berg und Weissensee

 
 

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